Das Atelierhaus im Nonnendamm 17

Eine alte Schuhputzfirma

 

Hier die Spree vom Bahndamm über der Kolonie Schleusenland in Richtung Rohrdamm gesehen
(In der Mitte des Bildes liegt die halb abgerissene S-Bahn-Überführung, rechts das heutige Werk für Übertragungssysteme, links das nicht mehr existierende Kabelwerk Westend); Das Gebäude in der Mitte ist das jetzige Atelierhaus Nonnendamm Nr.17, früher die Schuhputzfirma Urban & Lemm. Aufnahme Mitte der 1960er Jahre; Foto: Unbekannt

 

Das Atelier Leistner befindet sich in einem allein stehenden Industriekomplex auf der kleinen Insel der Charlottenburger Schleuse zwischen Nord-Charlottenburg und Siemensstadt. Umspült von der Spree inmitten üppigen Grüns fällt es schwer zu glauben, dass man sich inmitten der Metropole Berlin befindet, kaum zehn Minuten vom Kuhdamm und Charlottenburger Schloss entfernt.

 

Dieses ist der gleiche Blickwinkel, der physisch Standort der Aufnahme jedoch etwas tiefer gelegen und ca. 400 Meter weiter in Richtung Jacob Kaiser Platz versetzt. Der Pfeil markiert das Atelierhaus

 

Die weite Wasserfläche und das Fehlen jeglicher städtischer Bebauung vermittelt eher den Eindruck, irgenwo auf dem Land an einer Wasserstrasse unter einer Autobahnbrücke zu stehen.

 

 

Die weithin (von der Autobahn) bekannte Ansicht des Atelierhauses aus ungewöhnllicher Perspektive

 

Der Rentier Ernst Nürnberg ließ sich um die Jahreswende 1884/1885 auf einem dicht an der Spree gelegenen Grundstück ein Haus mit Stallungen bauen (die spätere Nr. 5), in welchem nach seinem Tod eine Gastwirtschaft eingerichtet wurde. Das Grundstück wurde dann 1896 vom Kaufmann Georg Heine erworben, der ein zusätzliches zweigeschossiges Stallgebäude für eine Schweinemästerei bauen ließ, mit welcher er aber wenig erfolgreich war. Bereits 1898 wurde dann das Grundstück von der in der damaligen Stadt Charlottenburg ansässige Chemische Fabrik Urban & Lemm übernommen. Diese baute den Schweinestall nach Entwürfen von Gustav Weyhe zum Kesselhaus um und richtete in den übrigen Gebäuden ein Kontor und eine Schmelzerei ein. Dann entstand auf dem anfangs als Lagerhof genutzten unbebauten Gelände ab 1900 nach Weyhes Entwurf ein einfacher, flach gedeckter dreigeschossiger Klinkerbau für ein Lagergebäude. Ab 1903 entwarf dann Paul Schöltz ein neues Kesselhaus mit einem 25 m hohem Schornstein und ein modernes, fünfgeschössiges Fabrikgebäude mit kurzem Seitenflügel.  

Nun bestanden keine Erweiterungsmöglichkeiten mehr und die Firma Urban & Lemm kaufte 1909 auch das östlich angrenzende Grundstück. Dort errichtete sie einen weiteren einen fünfgeschossigen Erweiterungsbau. In den 1920er Jahren zog die Firma dann nach Reinickendorf und die jetzt ungenutzten Gebäude verfielen bzw. wurden im Zuge des Mitte der 1990er Jahre begonnenen Havelausbaues des Verkehrsprojektes 17 (mit seinen Erweiterungs- und Umbauten im Fluss-, Ufer- und Charlottenburg-Wilmersdorfer Schleusenbereich) abgerissen. So deutet heute nichts mehr auf die einstigen Fertigungsanlagen hin, in denen zeitweilig mehr als über 100 Arbeiter tätig waren .

Der von dem tatkräftigen Unternehmer und Freimaurer Otto Lemm (†1920) 1893 gegründete Familienbetrieb Urban & Lemm entwickelte sich zu einem der führenden Häuser in der Schuhcreme- und Metallputzmittelfabrikation. So erlangte die Familie durch Ihr Markenprodukt “Urbin" einen nicht unerheblichen Reichtum. Der Fabrikant konnte daher im Jahre 1907 am nördlichen Dorfende von Gatow auf einem 1,5 ha. großen Ufergrundstück eine Villa mit Nebengebäuden und Gartenanlage errichten. Die spätere Villa Lemm. Sie erwarb den Ruf als eines der schönsten Anwesen Berlins. Entworfen wurde sie vom Berliner Architekt Max Werner. Das weitläufig angelegte Bau- und Gartenensemble wurde von der Familie als Dauerwohnsitz genutzt. Daher mußte die Villa mehr dem Anspruch eines Unternehmersitzes als dem eines Landhauses entsprechen. Der Gesamtentwurf von 1907/08 beinhaltete bereits die Villa mit den Wirtschaftsgebäuden, sowie mehrere kleine Gartenpavillons, das schöne Bootshaus mit Teepavillon, ein Spiel- und Turnhaus und einen regelmäßig umgestalteten Wirtschafts- und Nutzgarten mit Gewächshaus und Geflügelanlage. Das Anwesen wurde 1912/13 um weitere Nebengebäude, Gewächshäuser, einen Tennisplatz, eine Kegelbahn mit Pavillon auf insgesamt 2,3 ha. erweitert.

 

Heute wird die Villa von Hartwig Piepenbrock bewohnt. Hartwig Piepenbrock bemüht sich um die Kunst und gründete 1988 zum 75-jährigen Firmenjubiläum (Piepenbrock Service GmbH ) eine Kulturstiftung. Die Hartwig Piepenbrock Stiftung engagiert sich im Kultursponsoring und vergibt alle zwei Jahre den höchstdotierten Skulpturen-Preis Europas, den Piepenbrock Preis für Skulptur.

 

 

Die Familie Lemm ließ sich 1921 auf dem Kaiser-r-Wilhelm-Gedächtnis-Friedhof im Bereich der "Nouveaux Riches" (das Areal für die Erbbegräbnisse nahe der Kapelle, die sich deutlich von der Masse der anderen Begräbnisstätten abhoben) vom Architekten Max Werner (1879-1961) ein Mausoleum mit Blick auf die Fabrik entwerfen.

 

 

 

 

Heute arbeiten im Atelierhaus Nonnedamm 17 ca. 15 Künstler verschiedener Richtungen.